Reisebericht - La Gomera 2008

Montag, 14. April

Wasser taucht sich tief ins Land
Eins mit der Weite, tiefer im Licht
Wie ich keine worte fand
Fand ich dann doch noch dieses gedicht

 
In der Nacht rufen Pardelos wie gerade wachwerdende Menschenbabies ins Fenster. Der Guru Baba Bachmann, der nach Jahren in Katmandu wieder nach La Gomera zurückgekehrt war, musste die Insel wegen dieser merkwürdig kreischenden Sturmtaucher wieder verlassen. Er habe einfach keinen Schlaf gefunden.

Zu den angenehmen Pflichten der Gäste dieses appartments (regelmäßig betonen wandernde Passanten, wie schön es hier oben doch sei und fragen, ob man es mieten könne. Am Abend steht ein trampeliger deutsch-alternativ-Touri sogar auf meiner Terrasse und fast in meiner Küche, um zu fragen. Ich bin erbost und zeige ihm die kalte Schulter). Jedenfalls gehört es hier zu den angenehmen Pflichten, die Blumen mit einem Schlauch zu gießen. Diese danken es einem:

Die Entscheidung, heute noch eine letzte Wanderung zu machen, hatte ich am Vorabend aufs Frühstück vertagt. Der gleißend-blaue, wolkenlose Himmel - auch über Arure, Las Hayas und el Cercado, am weiten Ende hinter dem Obertal gelegen, sind keine Wolken zu erkennen – lädt auf einen „Genussbummel“, wie der Reiseführer ihn ankündigt. Dass dieser „Genussbummel“ am Ende zu einer Kombination von insgesamt drei Wanderung anwachsen würde, war so nicht absehbar.

Ein sehr nettes, junges Paar mit einjährigem Baby auf dem Rücksitz nimmt mich mit hinauf nach Arure. Wir unterhalten sofort gut.

Arure selbst ist ein schmuckloses Dorf an der Hauptstraße, mit seinen gut 800 Metern Höhe aber ein geeigneter Ausgangspunkt für mehrere Wanderungen. Der Weg nach Las Hayas ist ein über weite Strecken asphaltierter camino, der sich gemütlich in sonnendurchtränkter Einsamkeit den Hang hochschlängelt. Von dort geht es weiter in die Gärten des Crèses: also, in die voll krassen Gärten, ey!

Lorbeerstrauch Schattenlicht
Hin und wieder ein Gesicht
Picknickplatz Bäume auch
Diese tour ist eine pflicht

Nach etwa zweistündigem zügigen Fußmarsch lege ich mich in meine Steinbucht in den krassen Gärten: Sonne, Libellen, Hitze, Fliegen, einschlafen.

An einer Kreuzung stoße ich schließlich auf einen Pfad, der noch im letzten Jahr aufwändig mit einem Metalltor und Stacheldraht verrammelt war. Nun ist der Zugang plötzlich frei. Diesem einst verriegelten Weg, hatte ich bereits eine Kurzgeschichte gewidmet, ohne ihn jemals gegangen zu sein. Nun durfte ich dieses Mysterium der Insel einfach so betreten und die Wirklichkeit mit meiner Phantasie abgleichen. Der Weg schlängelt sich überdacht von dichtbewachsenen, hartgetrockneten Lorbeerästen immer tiefer in das Dunkel dieser kleinen, engen Schlucht. Bunte Vögel sitzen im schattigen Geäst und denken gar nicht daran, meine Gegenwart als Bedrohung zu empfinden. Ja, es ist beinahe so, als würden sich mich überhaupt nicht bemerken. Seelenruhig bleiben sie einfach dort sitzen. Nachhaltig verwundert stelle ich fest, dass dieser mir bisher unbekannte Weg in seiner Gestalt geradezu deckungsgleich mit meiner Phantasie ist. Diese Tatsache verschafft mir eine Gänsehaut – es ist wie eine Expedition in das eigene Seelenleben. Am Ende dieses außerhalb aller Gesetzmäßigkeit stehenden Tunnels erstrahlt schließlich das Jubel-Paradies - ein krasser Garten eben!

Weitere Kilometer schlendere ich wieder zurück nach Arure. Sollte ich den Abstieg über den La Merica machen, statt zurückzutrampen? Der Reiseführer schätzt knapp weitere drei Stunden Wanderzeit.

Der Abstieg am Ende dieser gut drei Kilometer langen Höhentour ist eine echte Herausforderung. 1.000 Höhenmeter in unendlichen Kehren an der Wand hinab ins Tal des Großen Königs. Schon zwei mal bin ich diese Wand hochgewandert. Dann aber jeweils am Anfang einer Wanderung – nie jedoch am Ende einer langen Tour und dann herunter.

Das Trinken wird knapp, die Lippen trocknen aus: das Hochplateau vibriert förmlich in der Hitze. Es pulsiert und bricht auf. Abertausende, glühend heiße Lavabrocken sprudeln lieblich wie kleine Zitronenfalter über die weite Fläche und streuen glänzende Luft-Partikel über das tief unten liegende Meer. Man schaut bis el Hierro und la Palma und 1.000 Meter tief bis Taguluche und irritierend weit über den Atlantik. Es ist eine Offenbarung, besonders auch bei diesem Sonnenschein, der den im Norden stehenden Mond anleuchtet. Die Mond und der Sonne – Grandios!

Der Abstieg mit vertrockneter Kehle und strapazierten Gelenken gelingt nur mit rhythmus und Meditation. Nach transzendenten Ewigkeiten falle ich völlig erschöpft und rasend glücklich auf die Liege meiner Terrasse. Welch ein „Genussbummel“. Heut ist party!


Sonntag, 13. April


Ich erwache nach sehr angenehmen Träumen, die hier nicht weiter ausgeführt werden möchten.

Und übrigens: Ich habe mir den Ausblick hier oben von der Terrasse nochmal ganz genau angeschaut und musste dann doch deutliche Unterschiede zu der Aussicht vom meinem Hannoverbalkon ausmachen – sehr deutliche Unterschiede!

Lediglich der Himmel hätte heute tatsächlich von dort stammen können: diesig und bewölkt. Obwohl mir zu Ohren gekommenist, dass das Wetter in Norddeutschland derzeit ganz passabel sein soll. Naja, mit gut 20 Grad ist es hier nun auch nicht wirklich schlecht.

Mich treibt es wieder hinaus in die Schönheiten des Eilands. Ich trampe bis auf die Höhenstraße zum Wanderparkplatz Pajarito. Wieder nehmen mich Leute aus Bayern mit. Die Insel bavarisiert offensichtlich.

Ich würde mich mitnehmen.

Eigentlich wollte ich weiter Richtung Imada. Nun wartet dort oben jedoch ein Feuerwehrauto und, da es auf Gomera ein Gesetz zu geben scheint, nach dem man den Motor eines Fahrzeuges laufen lassen muss, solange selbiges nicht verlassen wird, flüchte ich vor dem Gestank und dem Lärm in die Wälder Richtung Garajonay. Nachdem ich diesen umrundet habe, geht es abwärts durch den Nebelurwald.

Ich bin diese Strecke vor Jahren schon mal gewandert – es ist wieder ein Genuss. Die kleinwüchsigen Lorbeerbäume sind von langflechtigem Moos bewachsen, dass zuweilen gespenstisch an den Stämmen und Äsen herabhängt.

Im Lorbeerwald bei el Cedro

Am Ende des etwa halbstündigen Abstiegs über zahllose Treppen gelangt man einen Fluss und von dort wieder bergan zu einer Kirche.

Nach einer kurzen Rast verlasse ich den mir schon bekannten Weg und steige wieder bergan. Der Wald wird hier immer uriger und es bieten sich im Verlauf erbauliche Blicke in wolkenverhangene Schluchten. Auf einem exponiert gelegenen Felsen mache ich ein Nickerchen.

Dieser mir neue Weg ist noch schöner, als der, den ich damals gelaufen bin. Er zieht sich ständig bergan und Kondition einfordernd in die Länge, was mich nicht im Geringsten stört.

Nach Stunden erreiche ich wieder meinen Ausgangspunkt. Nebelschwaden drücken von oben auf die Höhenstraße und sorgen für eine sehr eigenwillige magische Stimmung und angenehme Abkühlung. Als ich gestern meinte, der Wind habe die magische Strahlkraft aus dem Tal gepustet, wusste ich noch nicht, dass er sie nur den Hang hinauf bis hier nach oben geblasen hat.

Samstag, 12. April


In dieser Nacht träume ich von zwei Frauen.

Im ersten Traum wirft sich Simone, meine Arbeitskollegin, auf die Motorhaube eines Autos, das ich steuere. Ich halte ihre Aktion für sehr gefährlich und gehe langsam vom Gas. Bremsen will ich nicht, damit sie nicht abrutscht und unters Auto gerät. Sie verliert dennoch den Halt und verschwindet unter dem fahrenden Auto. Kurze Zeit später erkenne ich im Rückspiegel, dass sie offensichtlich alles gut überstanden hat. Sie macht mir schließlich Vorhaltungen, dass sie ausschließlich durch mein Fahrverhalten von der Motorhaube gerutscht sei.

Der zweite Traum handelt von Peggy und einem Bernhardiner, den sie an der Leine führt. Dieser rennt so schnell, dass er wie ein Segelflugzeug, das durch ein Drahtseil in die Höhe gezogen wird, abhebt. Mit flatternden Ohren schraubt sich der Hund immer weiter in die Höhe und hängt schließlich kurze Zeit wie ein Flugdrachen in etwa 20 Metern, um dann wieder, den Flugkreis schließend sanft zu landen. Ich und weitere umstehende Passanten applaudieren fassungslos, Peggy ist stolz.

So sitze ich wieder auf meiner Terasse und blicke hinunter auf den Atlantik:

Obwohl mir der Atlantik azurblau zu Füßen liegt, strahlend-weiße Wolken Abwechslung ist das luftige Blau des Himmels zaubern, komme ich langsam zur der beunruhigenden Annahme, dass diese Insel nicht mehr das Eiland meines Herzens ist. Der prachtvolle Ausblick von der erhabenen Terrasse meines apartments löst in mir eine ähnliche Begeisterung aus, wie der Blick von meinem Balkon in Hannover. Ganz so vernichtend, wie das klingt, ist es allerdings  nicht, denn ich kann mich durchaus noch an beiden Perspektiven erfreuen. Es ist fast so, als hätte der ununterbrochene Wind der zurückliegenden Tage die magische Strahlkraft aus dem Tal gepustet. Darunter liegt nun offen dar, was das Valle Gran Rey nun mal ist: ein Küstenort auf einer spanischen Insel. Nicht mehr und auch nicht weniger.

Anders gesagt: mir ist langweilig ...

Freitag, 11. April

Der nahezu wolkenlose Himmel ruft mich in die Berge. Ich trampe bis ins knapp über 1.000 Meter hoch gelegene Chipude. Ein frischer Wind macht die sengende Sonne vergessen. Von Chipude soll es heute auf die Fortalezza gehen. Endlich steht dieser stolze Fels mal nicht in den Wolken und ich mache mich an den Aufstieg:

 

Im Hintergrund: die Fortaleza

Das letzte Teilstück erweist sich als anspruchsvoll. Die Kraxelei in dieser Höhe macht mich doch ein bisschen bange … Der Kletterpfad führt durch einen sehr engen Kamin, und ich bin drauf und dran umzukehren. Ich beiße die Zähne zusammen und kämpfe mich hoch. Der Abstieg ist ja nachher … Oben angelangt öffnet sich eine weite Fläche mit kniehohen Büschen und einem fantastischen Ausblick über die Insel bis nach El Hiero und La Palma. Ein Genuss!

Beim Abstieg kommt mir ein junges Paar entgegen. Sie steigen über einen schmalen Grat und ich bewundere ihren Mut. Minuten später muss ich feststellen, dass ich zuvor selbst beim Aufstieg über diesen Grat gewandert bin und auch jetzt wieder zurückmuss. Auf allen fünfen geht es langsam bergab, bis ich schließlich stolz wieder den Fuß der Fortalezza erreiche. I did it.

Auf der Fortaleza

Durch die weite Schlucht eines großzügigen Barrancos führt der Pfad weiter zur höchsten Erhebung von La Gomera: dem alto de Garajonay. Der Höhenpfad bietet immer wieder fantastische Ausblicke, aber leider nicht die Einsamkeit, die ich bei Wanderungen schätze.

Vom Garajonay selbst hat man tatsächlich einen Rundumblick über die gesamte Insel. Als ich vor Jahren mal mit Micha hier gewesen bin, trieb ein grimmiger, eiskalter Sturm dichte Wolken über den einsamen Gipfel. Wir hatten uns damals hinter eine Mauer gekauert und frierend einen Schokoriegel verdrückt. Heute hingegen treibt der Sonnenschein eine fröhliche Reisegruppe mit sächsischen Frührentnerinnen hierher. Ich mach mich wieder an den Abstieg.

Zeitig erreiche ich trampend wieder das Tal und leg mich in die Sonne. Am frühen Abend folge ich der Adelheids Einladung zum Essen. Der Weg führt wieder durch einen Bambuswald. Zu dritt sitzen wir mit Dieter auf der Terrasse und blicken auf die weit hinaufragende Wand des gegenüberliegenden La Mérica. Die Sonne ist hier hinten im Tal längst verschwunden.

Adelheid hat einen köstlichen Salat und leckere Pasta zubereitet. Dazu trinken wir leckeren Wein und später einen bemerkenswerten Rotwein-Schnaps, den ein Ökobauer aus La Palma gebrannt habe. Endlich findet sich die Zeit, ein wenig zu plaudern – über die Insel, über Träume, die Vergangenheit und das Leben. Wir steigen anschließend über zahlreiche Treppen über die vielen Terrassen ihres illuminierten Gartens. Es ist wahrlich ein Paradies. Es kommt mir fast unwirklich vor, so schön ist es.

Im Garten von Adelheid und Dieter.

Donnerstag, 10. April


Endlich: Der Wind hat sich gedreht und auf der Insel herrscht wieder inselübliches Klima.

Wieder schlafe ich sehr schlecht und komme nur müde in den Tag. Mit einem ausgedehnten Frühstück versuche ich mir den Start in den Tag zu erleichtern. (Ich weiß schon: „Ihr weint gleich …)

Während ich mit der Gitarre versuche aus einem mäßigen Song einen besseren zu machen, ruft eine weibliche Stimme von draußen meinen Namen. Das wird wohl Petra von oben sein, um mir zu erklären, das aus diesem song einach kein besserer zu machen ist. Nach einer plausiblen Erklärung suchend gehe ich auf die Terrasse. Es ist Adelheid. Auf dem Weg zum Chor schaut sie auf ein Glas Saft vorbei.

Irritiert fragt sie mich, ob ich davon ausginge, dass sie meine Tante ist. "Nein", beruhige ich sie, um ihr dann zu versichern, dass sie meine Cousine, aber eben auch meine Patentante sei. Sie will es kaum glauben. Offensichtlich hat sie dies völlig vergessen. Ich muss lachen. Sie lädt mich für morgen zum Essen ein. Ich freue mich und nehme die Einladung dankend an.

Am Nachmittag bastel ich mein erstes eigenes Armband. Ich habe Kerne einer mir unbekannten Frucht verwendet, die ich in La Calera gefunden habe ...

Isses nicht supi?


Mittwoch, 9. April

Das Valle präsentiert sich am Morgen schon wieder eher bewölkt. Also: Rucksack packen, Wanderschuhe anschnallen und: ab in den Norden! Keine zwei Minuten warte ich auf das erste Auto. Ein gepflegtes Pärchen bringt mich bis nach oben zum chorros de Epina. Schon von hier erkenne ich, dass es im Tal von Vallehermoso wolkenlos ist. Nach etwa fünf Minuten hält ein weiteres Auto, dass mich ins Tal bringt.

Von dort starte ich eine Wanderung, die klar zu den schönsten bisher auf dieser Insel gegangenen gehört: Start in Vallehermoso – bergan bis El Tion auf 600 Meter. Der Aufstieg ist etwas beschwerlich und noch recht unspektakulär. Es ist windig. Bei El Tion ändert sich die Vegetation schlagartig. Erste Ausläufer des märchenhaften Nebelwaldes durchkreuzen Lorbeersträucher und Kakteen. Von nun an lauert hinter jeder Kehre eine neue atemberaubende Perspektive auf die Weite des Atlantik, das tiefe Tal von Vallehemoso oder den stolz aufragenden Steinriesen El Cano. Düstere Wolken versuchen an den gegenüberliegenden Hängen vorbeizukommen: ohne Erfolg. Es bleibt sonnig, aber auch sehr windig.

In euphorischer Bestlaune erreiche ich schließlich wieder meinen Ausgangspunkt, um von dort zurückzutrampen. Dies erweist sich allerdings als etwas schwierig: Es fährt einfach überhaupt kein einziges Auto die Straße rauf. Beängstigt schaue ich zur Uhr. Es ist 16.30 Uhr. Wenn nicht bald ein Auto vorbeikommt und auch anhält, habe ich ein echtes Problem. Die 35 km bis ins Valle kann ich unmöglich zu Fuß zurücklegen und für ein Taxi reicht das Geld nicht. Auf einem gegenüberliegenden Bolzplatz spielt eine Horde Jungs Fußball. Belustigt beobachte ich, wie ein etwa 12 Jahre alter Bengel am Spielfeldrand einen unter ihm liegenden Jungen leidenschaftlich minutenlang abküsst, als sich schließlich auf der Straße ein Auto nähert, auf meinen herausgeshaltenen Daumen reagiert und anhält. „Jo. Wir fahren ins Valle!“

Ein Glück! Ich bin zufrieden und störe mich nicht eine Sekunde daran, dass Fahrer und Beifahrer rauchen und Bier trinken.

Dienstag, 8. April

 

Auch heute lädt die Wetterlage im Valle nicht zwingend zu einer Wandertour. Also lasse ich es ruhig angehen und schlendere nach einem ausgedehnten Frühstück und einem netten neuen Stück zur Gitarre ins Tal hinunter. Spontan entscheide ich, dass es an der Zeit wäre, mal bei Lothar vorbeizuschauen – ihr wisst schon: ‚Kaschar Hauser‘.

Hatte ich eigentlich erwähnt, dass die Insel im April wie ausgestorben ist? Man sieht selbst in Vueltas oder La Playa kaum Leute auf den Straßen.

Kaum erreiche ich nun also die steil aufwärts führende Straße in Vueltas, an deren Ende ich Lothar einquartiert hatte, sehe ich vor dem Haus ein Polizeiauto stehen. Normalerweise sieht man die Gesetzeshüter nur selten und dann gelangweilt kaugummikauend in ihren Autos durch die Gegend fahrend. Diesmal stehen sie aber direkt vor „Lothars“ Haus. Au backe! Perplex entscheide ich mich für die vorläufige Defensive, um aus der Distanz zu beobachten, was passiert. Gerade als ich in die Nachbargasse einbiege, sehe ich tatsächlich Lothar, allerdings nicht, wie ich befürchtet hatte, in Polizeibegleitung, dafür aber mit einem großen, olivgrünen Hartschalenkoffer, die Pension verlassend. Er sieht mich nicht.

Was ist passiert? Völlig entgeistert, ob dieses bemerkenswerten zeitlichen Zufalls, stehe ich wie angewurzelt da: Wie kann es angehen, dass ich genau in diesem entscheidenden Moment an dieser Stelle stehe, um genau das zu beobachten? Wieder halbwegs bei Sinnen eile ich die Gasse hinunter, um ihm entgegenzugehen. Wieder in der unteren Gasse angelangt, ist Lothar in einer weiteren Gasse verschwunden. Kurze Zeit später, sehe ich den Polizeiwagen an mir vorbeirauschen – ohne Lothar… Sturmbedingt verlässt derzeit keine einzige Fähre das Valle Gran Rey. Er muss also noch irgendwo hier sein … Werde ich jemals erfahren, was vorgefallen ist?

Der Mann auf dem Foto ist Lothar. Das Bild ist noch auf Tenerife entstanden, als wir beide auf die Fähre nach La Gomera warten.

Die Brandung ist heute überwältigend. Ich sitze eine ganze Weile am Strand, um sie zu beobachten und nachzudenken.

Hatte ich eigentlich erwähnt, dass mein appartment ein absoluter Traum ist? Nein? Also: Es ist ein absoluter Traum! Von oben habe ich einen fantastischen Blick über das gesamte Tal bis weit auf den Atlantik hinaus.

Mein Weg vom Bäcker zum appartment.

Am Abend gehe ich ins Kino. „Waaas? Kino??“ werden Gomera-Kenner jetzt stutzig. Die Betreiber des Tanzsaals in Borbalan haben einen beamer aufgestellt und zeigen heute für 3,50 Euro „Das wilde Leben der Uschi Obermayer“. Das konnte ich mir nicht entgehen lassen: Inmitten langhaariger Alt-und Neohippies auf dem Boden liegend einen Film über die 68er zu sehen, in dem Alexander Scheer, den ich vor Jahren selbst mal in einem Plattenbau in Berlin kennengelernt habe, Keith Richard spielt. „Großes Kino!“. Wirklich sehenswert und Alexander als Gitarrist der Stones ist brillant.

Montag, 7. April


Heute präsentiert sich der Himmel schon klarer. In Wanderlaune bin ich dennoch nicht. Ich beschließe nach einem ausgedehnten Frühstück, einen Spaziergang zum Haus von Adelheid zu machen. Es liegt etwa einen Kilometer talaufwärts. Der Weg führt zunächst von der Küstensonne weg in den Schatten der schon wieder aufziehenden Wolken, vorbei an kleinen Müllhalden und Schrottplätzen – inmitten der erhabenen Schlucht des Barranco vom Valle Gran Rey. Im Verlauf wird der Pfad immer ursprünglicher und führt schließlich durch einen regelechten Schilfwald. Vorbei an dem pittoresken Kirchenplatz der Ermita de los Reyes geht es eine weitere Treppe hoch zu zwei quer hintereinanderstehenden weißen Häusern mit geschlossenen Fensterläden, aber einer weit geöffneten Terrassentür.

„Das muss es sein“, denke ich und rufe: „ola … hallo?“ Es erfolgt keine Reaktion. Durch eine ebenfalls geöffnete Terrassentür hinter dem ersten Haus („Casa Luna“) sehe ich schemenhaft eine Gestalt, die offenbar telefoniert. Ist es Adelheid? Ich wüsste ja nicht einmal, wie ich sie erkennen sollte, wenn sie direkt vor mir stünde. Ich habe sie 30 Jahre nicht mehr gesehen. Ich beschließe, mich nicht aufzudrängen. Und gehe erstmal weiter. Auf dem Rückweg sehe ich schließlich eine Frau durch die vordere Terrassentür. Wieder rufe ich: „Ola … Hallo?“ Eine etwa 50-jährige Frau in erdfarbenen Leinenklamotten kommt zögerlich zur Tür und schaut mich fragend an.„Adelheid?“ Verdutzt öffnet die Frau ihre blauen Augen. „Ja …?“ „Ich bin Harald. Der Sohn von Heidi und Helmut – Dein Patenkind“

Ihre Irritation löst sich auf in Fassungslosigkeit. Sie bittet mich auf die Terrasse und schließlich ins Haus. Ich entschuldige mich für meinen Überfall. Adelheid ist außer sich vor Überraschung und Freude. „Verwandtschaft auf La Gomera“ wiederholt sie immer wieder voller Entzücken und stellt mich geradezu stolz ihrem Mann Dieter vor, der inzwischen auch mit dazu gekommen ist.„Schau mal – so tolle Verwandte habe ich!“. Ich muss schmunzeln.

Beide sind vor wenigen Jahren in Frührente gegangen. Er ist Psychotherapeut und war Geschäftsführer einer großen Rehaklinik. Das Haus auf der Insel haben sie seit nunmehr elf Jahren. Das Grundstück ist mit seinen über 3.000 qm ein wahrer Traum. Etwa 30 Palmen verteilen sich über einen Garten, der in Terrassen hangaufwärts fließt. Liebe, Mühe und gestalterischer Wille stecken in diesem Paradies. Im oberen Bereich befinden sich sogar zwei weitere gefließte Terrassen. Für Adelheids Qui Gong und den noch weiter oben gelegenen „Königsplatz“.

Dieter führt mich durch ihr Reich und ich bin überwältigt. Er habe einen sehr aufreibenden Job gehabt und irgendwann zusammen mit Adelheid beschlossen, ein Haus auf La Gomera zu kaufen, damit sich die Arbeit auch lohnt. Wir reden auch über meine Begegnung mit Lothar. Unterdessen bereitet Adelheid einen köstlichen Salat mit roter Beete aus dem Nachbarort vor, den wir bei einem gutgelaunten Mahl auf der Terrasse bei einem Glas Wein genießen. Beide sind nicht nur wegen meines überraschenden Besuchs aufgeregt, sondern vor allem wegen der Handwerker, die im zweiten Haus eine neue Küche und eine Klimaanlage installieren. Der Zeitpunkt meines Besuchs sei doch sehr ungünstig, entschuldigen sie sich mehrfach. Ich winke ab.

Adelheid muss schließlich zum Chor. Am Samstag hat sie einen Auftritt. Ich sage zu, dort hin zu kommen und verabschiede mich schließlich.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Tals liegt El Guro – das Künstlerdorf. Enge Gassen schlängeln sich vorbei an kleinen, individuell gestalteten Atelier- und Wohnhäusern den Hang rauf und runter. Edelsteinmasseusen, Aloveratherapeutinnen und Augen- und Kaffeesatzleserinnen wohnen und arbeiten inmitten dieses Dschungels – voller Blütenpracht und tobender Kinder. Ein bemerkenswerter Ort.

Durch einen kleinen Fluss wandere ich noch bis zum Wasserfall – nun habe ich den endlich auch mal gesehen. Am Abend wird es heiß und diesig: Kalima – der Wüstenwind treibt Sand und Hitze von der Sahara herüber. Hoffentlich dreht der Wind bald wieder. Im Internetkaffe stinkt es verraucht. Die Barhocker sind eine Rückentortour und beim Lesen meiner mails beunruhigt mich eine Nachricht von meinem neuseeländischen „Arbeitgeber“. Scheiß Internet, scheiß notebook fluche ich innerlich. Ich habe Kopfschmerzen, bin unruhig und schlafe schlecht. Der Kalima rüttelt an den Fenstern und lässt die Jalousien scheppern. Im Halbschlaf höre ich Stimmen, die sich aus einem wirren Traum für einen Augenblick in den Halb-Wachzustand schleichen.



Sonntag, 6. April


Der Morgenhimmel zeigt sich bewölkt. Ich mache mich bei meinen Nachbarn bekannt. Laut meiner Vermieterin kommen sie aus Berlin. Petra ist um die 40, klein und braungebrannt. Mit ihrem Mann verbringt sie ganze vier Wochen auf der Insel. Das Wetter sei schon seit sie auf der Insel sind sehr wechselhaft, kalt und regnerisch. „Ach herrje …“, denke ich in der Hoffnung, dass es dann ja jetzt nur besser werden könne. Stunden später bricht ein gewaltiger Regenschauer los – das waren locker 14 mm … 
Ich lese „Caspar“ von Dirk Wittenborn. Seit langem mal wieder ein Roman, der mich begeistert: Ein Psychologe entwickelt ein neues Medikament, das Glück verspricht, aber dies wohl nicht ganz hält … Ich kann das Buch gar nicht mehr aus den Händen legen.

Am Abend widme ich mich meinem verletzten Haustier. Zwei Rollen sind total hin und mein diffuser Verdacht, es handele sich dabei um ein Billigstprodukt eben vom ‚Taschenparadies am Alex‘ bestätigt sich auf erschütternde Weise. Die Rollen lassen sich nicht mal eben austauschen und es sind schon gar keine Skaterrollen … Mir grault schon jetzt vor der Rückreise, obwohl ich doch erst angekommen bin…

„Wer sich schneller entspannt, ist besser als jemand, der sich nicht so schnell entspannt, der aber immernoch besser ist, als jemand, der sich überhaupt nicht entspannt!“ – Na, mal sehen.

Ich träume schlecht: Mit Sibbe gehe ich zum Minigolf. Statt kleiner Bälle gibt es dort kleine hamsterartige Wesen, die man mit dem Golfschläger in kleine Kästen schlägt. Widerwillig und Sibbe zuliebe spiele ich mit. Später wird mir deswegen schlecht.


Samstag, 5. April


Die Nacht dann doch durchgemacht. Sibbe schaut gegen 20 Uhr noch mal auf dem Dorn vorbei. Ich hatte ihn zum Essen eingeladen. Er schlägt das „Otto“ vor, von dem wir im vorigen Sommer vor unserer Frankreichreise so bitter enttäuscht wurden. Man hatte uns einfach sitzen lassen, um uns nach fast einer Stunde mitzuteilen, dass es nur noch ein Baguette geben würde. Hungrig hatte ich die Nerven verloren und schimpfte laut mit der Bedienung. Diesmal ist es besser, wenngleich Sibbe zunächst ein nicht bestelltes Baguette angeboten bekomt. Er wäre gerne mitgekommen – auf die Insel des Frühlings. Der einsetzende Nieselregen im kalten Hannover dürfte einen gewissen Einfluss auf diesen Wunsch ausgeübt haben. Leider geht es nicht. Ich hätte ihn gerne mitgenommen und ich denke darüber nach, ob es nicht viel schöner wäre, die freien Tage mit ihm in Hannover zu verbringen. Pappelapapp – Ich wische den Gedanken weg, wie verschütteten Kaffee auf dem Frühstückstisch – nur leider habe ich vergessen, diesen vorher anzufeuchten, so dass ein dunkelbrauner Fleck auf dem Tisch zurückbleibt. So heißt es Abschied nehmen .. für zehn Tage.

Gegen 2.00 Uhr mache ich mich mit meinem neuen Haustier (dem Reise-trolly mit vier Rädern), der Gitarre und all dem anderen Kram, der im Ganzen eine geschätzte Tonne wiegt, auf den Weg. Mit dem Auto zu Hucky. Der Nieselregen entwickelt sich zu einem typisch norddeutschen Landregen. Hucky schläft wohl noch. Es ist alles dunkel. Hat sie unsere Verabredung vergessen? Vorsichtig lasse ich ihr handy ein mal klingeln. Keine Reaktion. So lasse ich es erneut klingeln. Nach etwa zehn Rufzeichen höre ich ihre schlafverknitterte Stimme. Alles klar! Im dunklen Haus sucht sie ihre Sachen zusammen. Wir brechen auf Richtung Flughafen. Auf der Fahrt erkläre ich ihr noch die Heimtücken meines Vehikels (Scheibenwischer, Kupplung, Zündschloss). Wie immer muss ich meine Gitarre am Sondergepäckschalter aufgeben. Dort spricht mich ein bärtiger, gepiercter junger Mann, während er mein Sondergepäck entgegennimmt, plötzlich mit Vornamen an. „Harald?“ Er stellt sich schließlich als Sascha vor – Theater AG, FRG … Ich mime ein Wiedererkennen, um ihn und mich nicht in Verlegenheit zu bringen. Erst später dämmert es mir. Eine lustige Begegnung, mitten in der Nacht, kurz vor dem Abflug. Noch ein ziemlich leckeren Latte mit Hucky und dann ab in die Maschine.

Der Flug ist langweilig. Der Pilot stellt sich erst vor, als wir fast da sind und man kann kein einziges Mal erkennen, wo wir uns gerade befinden. Stattdessen läuft „P.S. – Ich liebe Dich“ als Film und mein Kopfhörer geht gerade in dem Moment kaputt, als ich mich für das Hörspiel „Die Vermessung der Welt“ begeistere. Die Sonne geht auf, als wir die Kanaren erreichen. Stolz erhebt sich der Teide – ein respekteinflößender Berg. Der Himmel ist klar, die Luft trotz der ständig ein- und ausfahrenden Busse vor dem Flughafengelände, frühlingshaft-frisch. Nach etwa einer halben Stunde, fährt ein Linienbus vor. Ein unerwartet freundlicher Busfahrer mit rundem Gesicht und dazu völlig unpassenden dünnen spitz zulaufenden Augenbrauen erklärt mir mit einem gebrochenen englisch, dass dies der richtige Bus sei. Er sollte recht behalten und winkt sogar zum Abschied.

Beschwingt durch die immer wärmer werdende Sonne und diese für Teneriffa ungewöhnliche freundliche Geste schlender ich mit meinem vierrolligen Haustier und der Gitarre durch die Straßen von Los Christianos. Es erscheint mir freundlicher und charmanter als die Male zuvor. Ich mache Rast auf einem Platz an einer Kirche und lasse es ruhig angehen. Die Fähre würde ohnehin erst in einigen Stunden fahren.

Beim Lösen des tickets im Hafengebäude, wartet ein älterer Herr hinter mir. Ich bemerke ihn zunächst gar nicht. Als er an der Reihe ist, erweist er sich als beim Kauf des tickets für die Fähre als unerfahren und begriffsstutzig. Eher aus Mitleid mit der langsam verzweifelnden Ticketverkäuferin („funfvorzwei“), als mit dem Herren, den ich zunächst für einen dumpfpannsigen reichen Bayern halte, mische ich mich ein und erkläre ihm, wieviel das ticket kostet und wann die Fähre losfährt. Erst jetzt fällt mir auf, dass er nur eine Plastiktüte mit einer 5-Liter-Wasserflasche dabei hat. Er erklärt mir, dass er dringend von Zuhause habe abhauen müssen und weckt damit mein Interesse. Ich bedeute ihm, dass es vor diesem Hintergrund wohl nicht so schlau gewesen sei, einen Personalausweis beim ticketkauf vorzulegen. „Nein, nein“, beteuert er. Es sei ja nicht so, dass er von der Polizei gesucht würde. Er habe nur die Einsamkeit in Passau nicht mehr ertragen können und habe deshalb nach 30 Jahren dort kurzerhand entschieden, nach Teneriffa zu fliegen. Dort habe er sich ein Hotel genommen für drei Tage. „Die waren so unfreundlich zu mir. Ich habe mich gefragt, was ich ihnen getan habe“.

Nüchtern erklärt er mir, dass er noch ungefähr zehn Jahre leben will, um sich dann umzubringen. Und, ob er nun einsam in Passau rumsitzt und die deutschen Winter ertragen muss oder einsam in der Sonne, würde ja zunächst nur den Unterschied machen, dass es in der Sonne wohl eher netter ist. Ich bin verblüfft. Er habe niemandem Bescheid gesagt, dass er sich aus dem Staub machen würde. Auch seinen Eltern nicht. Er habe einfach seine Sachen gepackt, sei zum Flughafen gegangen, um nach Teneriffa zu fliegen. So warten wir gemeinsam auf die Fähre und ich werde stutzig, als er anfängt zu erzählen. Er sei adoptiert und von seinen Adoptiveltern wie ein Stück Scheiße behandelt worden. Erst vor wenigen Jahren habe er erfahren, dass sie garnicht seine leiblichen Eltern seien. Ich bin erschüttert. Seine wahren Eltern seien Milliardäre offenbart er nach einem gewissen Zögern. Den Namen dürfe er nicht nennen, weil er sonst großen Ärger bekäme. Nur so viel: „Der ‚Bulle von Tölz‘ ist mein Bruder!“. Die Müdigkeit gibt mir die notwendige Gelassenheit, ihm weiter in Ruhe zuzuhören. „Ich bin wie ‚Kaschpar Hauser‘“, sagt er und in seiner unbeholfenen Art und mit dieser todtraurigen Kindheit, tut er mir leid und ich sage zu, ihm bei der Suche nach einem appartment auf La Gomera zu helfen. Ich stelle aber gleich klar, dass sich dann unsere Wege trennen würden.

Endlich: Valle Gran Rey. Die Überfahrt setzt mir ein bisschen zu und ich bin froh, als wir ankommen. Es ist heiß und wunderschön. Inzwischen bin ich mit meinem Begleiter per Du. Er heißt Lothar und, der erste Eindruck von der Insel sei ein sehr guter, betont Lothar. Mein Rolltrolly ist schwerer, denn je, weil ich meine Wanderschuhe inzwischen auch noch eingepackt habe. Das appartment, das ich für Lothar ausgesucht habe, liegt gleich unten in Vueltas, dem Hafenviertel. Ich zerre meinen trolly die steilen, heißen Straßen hoch – zu meinem Verhängnis, wie ich später feststellen muss. Die Straßen sind wie leergefegt. Man merkt sehr deutlich, dass die Touristensaison vorbei ist. Es stehen überall appartments zur Verfügung. Wir finden ein sehr schönes mit großer Dachterasse. Die Segnora stellt sich als Isabel vor. Für Lothar verhandele ich den Preis. Sie zeigt sich sehr kompromissbereit und Lothar macht Ernst: bis zum Ende des Monats will er hier bleiben. „Geld ist kein Problem“, betont er immer wieder und diesmal habe ich das Gefühl, dies ist keine Phantasie. Ich lasse ihn alleine zurück und verspreche, nochmal vorbeizuschauen. Er fragt noch, ob ich nicht morgen nochmal mit ihm nach Tenneriffa fahren könne, um seine Sachen aus dem Hotel zu holen. Er würde auch die Überfahrt und alles bezahlen. Ich lehne freundlich aber bestimmt ab. Er ist ein großes Kind, aber er muss hier alleine klarkommen. I

ch zerre mein Haustier weiter Richtung La Calera. Er ist trotzig und knurrt. Irgendetwas stimmt nicht. Ich schaue nach und stelle fest, dass zwei Räder aufgeplatzt sind. Der heiße Asphalt und die spitzen Steine müssen sie aufgerissen haben. Scheiße! Ein uralter bunt bemalter Renault hält an. Ein genauso bunt bekleidete Frau fragt, wie weit ich es denn noch hätte. Ich steige ein und hätte sie am liebsten geküsst. Sie bringt mich bis zu tienda Victor und verabschiedet sich mit einem „So ist Gomera“. Reisebericht - La Gomera 2007

WIE GEHT ES WEITER? Werde ich Lothar wiedertreffen? Gibt es ein Wiedersehen mit meiner Patentante Adelheid, die ich gut 30 Jahre nicht mehr gesehen habe? Lässt sich das Haustier wieder heilen? Lest mehr dazu ... an dieser Stelle. In Kürze.


Samstag, 5. April


 Die Nacht dann doch durchgemacht. Sibbe schaut gegen 20 Uhr noch mal auf dem Dorn vorbei. Ich hatte ihn zum Essen eingeladen. Er schlägt das „Otto“ vor, von dem wir im vorigen Sommer vor unserer Frankreichreise so bitter enttäuscht wurden. Man hatte uns einfach sitzen lassen, um uns nach fast einer Stunde mitzuteilen, dass es nur noch ein Baguette geben würde. Hungrig hatte ich die Nerven verloren und schimpfte laut mit der Bedienung. Diesmal ist es besser, wenngleich Sibbe zunächst ein nicht bestelltes Baguette angeboten bekomt. Er wäre gerne mitgekommen – auf die Insel des Frühlings. Der einsetzende Nieselregen im kalten Hannover dürfte einen gewissen Einfluss auf diesen Wunsch ausgeübt haben. Leider geht es nicht. Ich hätte ihn gerne mitgenommen und ich denke darüber nach, ob es nicht viel schöner wäre, die freien Tage mit ihm in Hannover zu verbringen. Pappelapapp – Ich wische den Gedanken weg, wie verschütteten Kaffee auf dem Frühstückstisch und es bleibt ein dunkelbrauner Fleck auf dem Tisch zurück.

So heißt es Abschied nehmen .. für zehn Tage.




Reisebericht La Gomera 2006



Heute morgen mag ich gar nicht aufstehen. Schließlich muss ich heute die Vorbereitungen für die Abreise treffen und so recht freuen mag ich mich nicht auf Schneeregen.

Langes Früstück - es regnet nochmal. Zum Nachmittag wird es schön. Ich schlender nach Vueltas, kaufe ein ticket für die Fähre morgen. Dann lass ich mich an der Kaimauer nieder und stelle fest, wie wunderhübsch die bunten Boote der Fischer einfach so daliegen.

Jetzt will ich noch den Sonnenuntergang mit den Trommlern erleben ... Viva La Gomera!

18. März

Die Sonne scheint, es lockt an den Berg. Heute soll es der Tequerguenche sein. Er ist sozusagen der Gegenspieler vom La Mérica, auf dem ich am Vortag beinahe in Bergnot geraten war. Er steht ihm im Königstal gegenüber. Der Aufstieg erweist sich als anspruchsvoll, der Wind weht kräftig und ist gibt einige exponierte Stellen. Ich bin immernoch verängstigt von gestern und blicke immer wieder misstrauisch in den leicht bewölkten Himmel. Bei dem leisesten Donnergrollen oder Regentropfen würde ich sofort umkehren.

Steil und immer steiler schraubt sich der steinige Pfad nach oben. Die Beschreibungen in meinem Wanderführer stimmen nicht mit dem überein, was ich zu sehen bekomme. Als ich nach gut einer Stunde steilen Aufstiegs immernoch kein "Ziel " erreiche, wird mir bei dem Gedanken an den Abstieg mulmig, zumal ich dann und wann sogar Hand anlegen musste. Schließlich erreiche einen Sattel, von dem man einen atemberaubenden Blick ins Valle Gran Rey und in den daneben liegenden Barranco hat. Mir kommen zwei Wanderer entgegen. Sie raten mir dringend von einem Abstieg über den Barranco zur Finca Argayall ab. Das sei bergab zu kraxelig. Warum ich denn nicht bis nach Cipude wandern würde. Ihr Vorschlag ist genial. Ich stecke den Wanderführer zurück in den Rucksack und wandere nach Karte und Kompass.

Der Weg führt in den Barranco von Agaga, bis runter zu einem Bach, der dank der ergiebigen Regenfälle zu einem stattlichen Fluss angewachsen ist und eine willkommene Erfrischung bietet. Oberhalb des Flusses geht es zuweilen in einem uralten, ehemaligen Wassergraben weiter, verlässt diesen schließlich und windet sich wieder hoch, bis nach El Cercado, einem Nachbarort von Cipude. Ein von Touristen wenig besuchtes Töpferdörfchen, hübsch anzusehen und wegen der Höhe wahrscheinlich oft im Nebel. Diesmal aber in prächtigem Sonnenschein. Ein britisches Päärchen bringt mich wieder hinunter ins Tal - wir tauschen begeistert unsere besten Wandertouren aus. Ein schöner, letzter Wandertag.

Ich habe auf meiner Terasse noch für gut eine Stunde die Gelegenheit, mich zu sonnen, bis doch tatsächlich wieder ein massiger Regenfall einsetzt, der erst nach drei Stunden wieder aufhört.

17. März

Ja, mir ist schon klar, dass dieser Teil der Insel nach über einem Jahr Trockenheit mal wieder Wasser brauchen kann. Aber dieser Regen hat doch 365 Tage im Jahr Zeit, dieses Tal mit Wasser zu beglücken. Warum nur, frage ich, muss er dies ausgerechnet dann tun, wenn ich für schlappe zehn dieser 365 Tage hier ein bisschen Sonne und Glück tanken will?

Heute geht es auf den La Mérica, der sich als Beinahe-Steilwand fast 700 Meter direkt aus dem Valle emporwagt. In endlosen Kehren schraubt sich der "Königsweg" unerbittlich bergan. Von unten sieht man schon dunkle Wolken, und prompt fängt es an zu nieseln. Kein Problem: Regenmatel umgeworfen und weiter. Die Aussicht wird immer atemberaubender. Ich erlaube mir kleine Umwege und weiche zuweilen vom Weg ab. Der Regen lässt wieder nach. Nach ungefähr einer Stunde Aufstieg, erreiche ich das Hochplateau und wieder ergreift mich diese eigentümliche Stimmung. Nicht nur die fantastische Sicht weit über den Atlantik, auch das Licht hier oben ist einmalig. Bedrohlich wachsen aus den Schluchten dunkle Wolken hervor. Eine Ruine, die mitten auf dem Hochplateau steht, unterstützt die beinahe morbide Stimmung. Ich nehme mir viel Zeit, den Wolken bei ihrem unberechenbaren Wechselspiel zuzusehen.

Als es an den Abstieg nach Arure geht, fängt der Regen wieder. Dieses Mal deutlich stärker. Doch damit nicht genug. Ein Gewitter zieht über den Hang. Es blitzt und donnert gewaltig und die wasserschwangeren Wolken geben nun hemmunglos ihren Inhalt her. Es ist wirklich beängstigend. Ich muss an Nico denken, die vor Jahren auf Mallorca von einem Blitz erschlagen wurde. Ich befinde, dass es zumindestens ein stilvoller Tod ist. Ich kauere mich an eine Felswand und nutze meinen Regenmantel als Zelt. Es knallt und blitzt, der Regen ist unermüdlich. Ich halte mir die Ohren zu und überlege, ob ich noch schnell meinen Nachruf auf Video sprechen soll. Ich wage es nicht, aus meinem Zelt zu blicken. Als ich es dann doch tue, stelle ich fest, dass das, was eben noch mein Wanderweg war, langsam von einem Bach zu einem Fluss anwachsen will. Das alles auf einem Höhengrat in 800 Metern Höhe. Ich muss aufbrechen, bevor der Weg vollends unpassierbar wird. So kämpfe ich mich laut fluchend durch den Regen und erreiche endlich Arure. Ein spanisches Paar gabelt mich auf. Aus dem Radio dröhnt ein Stück, das von Modern Talking sein könnte.

Wieder im appartment stelle ich mich ein halbe Stunde unter die Dusche, während es draußen weiter vor sich hinregnet.

16. März

Im Traum ist es Februar - nasskalt, in Norddeutschland. Ich gehe am Rand einer Neubausiedlungsbaustelle auf einen verwaisten Spielplatz, es liegt noch etwas Schnee, der sich langsam auflöst. Es riecht nach Fisch. Plötzlich stelle ich fest warum: Aus abgesägten Rohren halbfertiger Schaukeln und Rutschen, ragen Fischköpfe, die aus toten Augen ins trostlose Nichts blicken. Ich inspiziere den Platz näher. In andere Rohre sind Katzenköpfe und weitere Körperteile anderer Tiere gesteckt worden. Offensichtlich ein Ort für ein makaberes Ritual.

Die Wirklichkeit hier auf der Insel ist deutlich angenehmer. Der Calima ist zwar wieder aufgetaucht, die Sonne scheint dennoch und die Croissants und der selbstgepresst Orangensaft schmecken wie gewohnt ausgezeichnet. Ein ungefähr 50 Jahre alter Mann mit zernarbter Nase und unregelmäßigem Bartwuchs nimmt mich mit. Er ist Segler und hat ein Haus in Laatzen. Er ist nun schon zum achten Mal auf der Insel und hat jetzt langsam genug. Er lässt mich auf 825 m Höhe in Arure raus. Auf dem Höhenweg fangen sich dunkle Wolke - ich bleibe also lieber drunter.

Es wird langsam zum running gag: Auch dieses mal verlaufe ich mich zunächst. Es ist jedoch eine sehr schöne Strecke und ich finde einen Totenschädel von einem Hund (?) am Wegesrand. Er erinnert mich an den Traum von letzter Nacht. Ich trampe, als ich eine Straße erreiche, bis Las Hayas und mache mich von dort auf den Weg durch einen fantastischen Kiefernbuschwald, der schließlich zu einem Lorbeerwald wird. Ach, diese Stille, denke und genieße ich. Bis, beinahe aus heiteren Himmel, eine Horde von rund 50 Kindern auftaucht. Sie machen einen gigantischen Lärm - wie im Fußballstadion. Ich fühle mich an die zahllosen Wander-Touren erinnert, die ich selbst damals mit Kids gemacht hatte. Diese Begegnung berührt mich angenehm und macht mich etwas nachdenklich. Dennoch bin ich froh, als ich diesem lärmenden Pulk wieder entkomme.

Die Gegend um Arure und Las Hayas erschien mir bisher immer eher unspektakulär und fad. Was für ein Irrtum. Der Pfad führt durch dichte Wälder mit Farnen und lila-blühenden Pflanzen an einen idyllisch gelegenen Picknickplatz mitten im Wald. Ich finde einen offensichtlich selten bewanderten Pfad zurück nach Arure und mache ein Nickerchen auf einer magischen Lichtung, an der sogar ein Rinnsal plätschert. Der Weg füht durch ein prachtvolles, wenngleich auch sehr heißes Tal, mit alten, riesigen Bäumen, die fast wie Eichen aussehen, aber keine Blätter tragen, und Palmen. Wie geplant, komme ich früh wieder ins Valle zurück, gönne mir ein leckeres Eis mit frischen Erdbeeren und sonne mich auf der Dachterasse. Es ist so schön!!

15. März

Der Morgen liegt ganz unschuldig, fast scheinheilig sonnig und ruhig einfach so da - als sei nichts gewesen. Ich misstraue dem Frieden und lasse es ruhig angehen - langes Frühstueck, allerdings ohne diese sensationell leckeren Croissants. Der Bäcker hatte gestern wohl keine Lust bei Kerzenlicht zu backen. Ich sonne mich und höre ein feature ueber Gabriel Garcia Marquez.

Am Nachmittag schnappe ich mir Gitarre und md-Geraet und mache am Atlantik Aufnahmen. Die Ideen der vergangenen Tage mit Meeresrauschen im Hintergrund. Ich hoffe, die Aufnahmen sind gut geworden.

In Vueltas finde ich einen Laden, der Kokospaste hat - also gab es am Abend leckere indische Kueche. Ich bin müde.

14. März

Nachtrag:

Das Gewitter hat die Stromversorgung fuer das gesamte Tal lahmgelegt. Keine Strassenlaterne, keine Lichter in den Haeusern. Ich watschel auf dem Heimweg vom Internetcafe mit meinen Sandalen von einer Pfuetze in die naechste Riesenpfuetze. Gluecklicherweise haelt ein Transporter und bringt ich bis La Calera. Dort ist es stockfinster. Ich ertaste mir den Weg durch die Gassen ueber die zahllosen Treppen nach Hause. Kaum im Appartment faengt es wieder an, zu schuetten.

Das Haus in Tazo von dem Musiker, der mich vor Tagen nach San Sebastian gebracht hat, interessiert mich naeher. Also geht es heute nach Alajero, von dort will ich zu Fuß weiter. Ein vielleicht 40-jähriger, braungebrannter Mann nimmt mich mit. Das Innenleben seines Autos ist in einem abenteurlichen Zustand. Die Armatur hat Risse und fält fast auseinander - er ist mir auf Anhieb sympathisch. Er lebt seit drei Jahren auf der Insel und weiß zu berichten, dass der "Mann in Tazo" Reinert heiß - "der Herzensbrecher". Mein Fahrer selbst heißt Micha und verdient sich in den "Wintermonaten" auf Gomera sein Geld mit Renovierungsarbeiten. Das läuft blendend, sagt er. Im "Sommer" organisiert er in Ibiza Segeltouren. Er berichtet stolz und glücklich von seinem Leben. Auf die Insel war er gekommen, um sich von einer Malaria-Infektion zu kurieren, die er sich in Thailand eingefangen hatte. Er sei über drei Jahre schwer krank und bettlägrig gewesen, habe im Koma gelegen und sei fast über den Jordan gegangen. Das Malaria war nicht rechtzeitig diagnostiziert worden. Ich lasse mir seine Karte geben - wer weiß, ob man einen begabten Handwerker auf Gomera nicht noch mal brauchen kann.

In Alajero beginnt meine Wanderung. Die Landschaft ist in der Tat "melancholisch-herb", wie es im Reiseführer heißt, fast unheimlich. Ich muss an das appartment in Borbalan denken, in dem ich vor zwei Jahren mit Micha wohnte. Wir hatten beide ein mysteriöses, deutlich wahrnehmbares Flüstern gehört, es kam direkt aus dem Raum, in dem wir uns befanden. In der Nacht polterte es die ganze Zeit wirklich laut - zunächst nur über uns, dann aber auch an den Wänden neben uns, dabei war es eine Aussenwand.

Ich verlasse Alajero und es wird schlagartig sehr einsam. Die Stille schreit mich foermlich an. Es gestaltet sich schwierig, den Weg zu finden. Schliesslich erreiche ich die ersten Haeuser von Tazo. Es ist keine Menschenseele zu sehen, und es faengt an zu regnen. Der Regen soll fuer die naechsten drei Stunden mein staendiger Begleiter sein. Die Haeuser von Tazo sind lose ueber den steilen Hang gestreut und es ist schwierig, eine Orientierung zu erlangen. Ich entdecke schliesslich das Haus von Reinert, dem "Herzensbrecher". Er hatte von seinem asiatischen Garten erzaehlt. Es ist sehr huebsch, mit runden Fenstern, Tiffany-Glas und lehmverputzt.

Ich verliere vollends den urspruenglichen Wanderweg und der Regen nimmt erheblich zu. Mein Regenmantel reicht nur bis zu den Knien, darunter wird alles triefend-nass und vor allem schwer. Es ist so, als wuerde ich jemanden huckpack tragen. Mit Kompass und Karte kaempfe ich mich den Hang hoch und gegen die Traenen an. Im Starkregen wandern ist hart, den Weg dabei nicht mehr zu finden, ein Alptraum. Nach einer knappen Stunde ueber Felsen, durch Buesche und unter Palmen, erreiche ich endlich einen Wanderweg. Ich folge ihm. Es regnet inzwischen wie aus Kuebeln. Der Weg schlaengelt sich ohne Markierungen von Barranco zu Barranco. Nach Stunden fuehrt er in ein deutlich breiteres Tal und ... ploetzlich reissen die Wolken, auf deren Hoehe ich mich unterdessen gekaempft hatte, auf, und die Sonne schenkt mir ihre waermende Kraft. Ich falle geradezu dankbar zu Boden und endecke in der Ferne die Haeuser von Epina - mein Ziel.

Kaum erreiche ich die Strasse, haelt schon ein Auto. Drinnen sitzt ein Paar. Sie erinnert mich an Brigitte und er an Onkel Martin. Es hat etwas angenehm vertrautes. Sie bringen mich zurueck bis La Calera und berichten von ihren "abenteuerlichen" Fahrten durch den Regen im trockenen Auto. Am Ende schenken sie mir noch eine Avocado. Auf meiner Dachterasse in La Calera lass ich es mir bei Kaffee und Mandelgebaeck in der Sonne gut gehen.

Unterdessen hat sich das Wetter jedoch wieder deutlich verschlechtert. Ein schweres Gewitter zieht zur Stunde ueber die Insel. Es gab eben sogar einen Stromausfall und ich musste die letzten vier Absaetze noch mal schreiben. Hoffentlich komme ich trockenen Fusses wieder nach Hause. Upps ... schon wieder ein Stromausfall!

13. März

Nach den körperlichen Anstrengungen des gestrigen Tages, ist heut erstmal entspannen angesagt. Also, zwei Stunden Frühstück, lesen und auf der Dachterasse in der Sonne braten. Etwas bedauerlich ist, dass auch mein neues appartment keine Musikanlage hat. Weil aber nicht nur das Leben, sondern auch das Reisen ohne Musik ein Irrtum wäre, bin ich auf diese blöden Ohrstöpsel angewiesen. So sei es. Ich schreibe gleich zwei neue Stücke - es ist ja nicht nur Sonne, sondern auch Zeit reichlich vorhanden. Hatte ich erwähnt, dass ich Musils "Mann ohne Eigenschaften" lese?

Zum Spätnachmittag ziehen dunkle Wolken auf und es wird regelrecht kühl - was geschätzte 20 Grad bedeuten dürfte. Beim Blick über den Atlantik, erkenne ich in der Ferne, dass es sogar stark regnet. Hier auf der Insel hat es seit einem Jahr nicht mehr geregnet - dafür ist es aber noch ziemlich grün. Ich habe mir ein leichten Schnupfen zugezogen.

12. März

Was für ein wundervoller Start in den Tag. Beim Umzug in das deutlich hübschere Appartment über mir, taucht das Mikrofon wieder auf. Da war die Freude groß. Auch der Calima hat sich im wahrsten Sinne des Wortes in Luft aufgelöst und gibt den Blick wieder frei, bis weit über den Atlantik. Frühstück auf der neuen Terasse, dann mach ich mich auf. Am Ortsausgang von La Calera gabelt mich ein sympathisches Päärchen auf. Sie kommen aus Holland, wohnen in der Nähe von Groningen. Sie ist ungefähr 40, er circa 65. Sie berichten von ihren Tramp-Touren durch die USA. Er sei damals sogar von Amsterdam bis Teheran getrampt - in zehn Tagen. Ich zeige mich schwer beeindruckt, er meint aber, das sei damals gar nicht so etwas besonderes gewesen. Wir plaudern weiter über das Trampen und stellen fest, dass es offenbar völlig aus der Mode gekommen ist. Wär schade, wenn diese Kultur völlig aussterben würde, finden wir, und sie berichten, dass sie bis heute noch Freunde hätten, die sie damals beim Trampen kennengelernt haben. Als sie erfahren, dass ich aus Hannover komme, sind sie ganz begeistert - Ich stutze - Sie lieben den Berggarten in Herrenhausen und wollen ihn auch in diesem Jahr wieder besuchen.

Geplant war für heute eine kleine, gemütliche Wandertour, um warm zu werden. Als großartiger Kenner der Insel verzichte ich selbstbewusst auf eine empfohlene Tour und mache mich mit Karte und Kompass allein auf den Weg. Das Wetter ist herrlich. Von der Höhenstraße geht es hinab in den Barranco von Imada. Es ist fantastisch, man kann bis ins circa 15 km entfernte Santiago de Playa und weiter über den Atlantik schauen. Der Weg schlängelt sich gut 800 Meter tief. Dort soll es dann weiter gehen  nach Benchigua - ins leider nicht ganz so nebenan, wie gedacht, gelegene Benchigua. Wieder 100 Meter rauf und noch mal 200, bis ich den Ort von ganz oben zu erkennen glaube - nur liegt er circa 600 Meter tiefer, also: runter! Nach Stunden erreiche ich die ersten Häuser: Es ist eine Geisterstadt! Hält aber immerhin, üppige Orangenbäume, eine blühende Pflanzenpracht und Schatten parat. Ich verlaufe mich kurz und ahne schon, dass ich wohl wieder hoch muss. Hinter dem Roque Agando, einem gigantischen Zahn, der weit oben aus dem Boden hervorragt, entdecke ich noch weiter entfernt die Höhenstraße. Also, wieder rauf! Es wird zum Ende hin sehr beschwerlich. Die Luft, das Licht und der Duft der langsam verblühenden Mandelbäume geben mir die nötige Kraft, um das Ziel zu erreichen. Dass ich mich jemals so über den Anblick einer Straße freuen würde. Auf der anderen Seite, kriecht der Teide aus einer langsam dichter werdenden Wolkendecke - ein erhabener Anblick.

Es kommt kein einziges Auto. Doch dann: ein knallroter offener Jeep. Nagut, denke ich, kann ja trotzdem klappen und siehe da. Er hält an. Drinnen sitzt ein buntes Völkchen. Sie, vielleicht 20 rot gefärbte Haare und zahllose Ringe an zahllosen Stellen, der Fahrer eher unscheinbar und neben mir ein ebenfalls stark beringter vielleicht 19-Jähriger mit schwarzem Kaputzenpulli. Er ist in ein Buch vertieft und lacht gelegentlich laut auf, es ist dieses Buch mit dem "Anarachoschnitzel". Die Fahrt in dem offen Jeep ist ein Heidenspaß! Schon nach einer Minute ahne ich: Die kommen aus Hamburg. Wie komme ich darauf? Ich weiß es nicht genau, aber: Er regt sich total über ein langsam fahrendes Fahrzeug auf, sie bleibt freundlich und redet gern von sich selbst. Sie sind ein bisschen, wie Menschen ohne Eigenschaften, die überheblich und dennoch freudlich sind. Komisch, aber auch sie vermitteln einem das Gefühl, irgendwie ungenügend zu sein, den Code nicht zu kennen, nicht dazuzugehören. Also, obwohl ich die Antwort schon kenne, frage ich nach: Ja!, heißt es, morgen "geht es wieder nach Hamburg". Ich bedanke mich aufrichtig für die aufregende Fahrt in dem Jeep. Sie bringen mich heile wieder nach Haus!

11. März

Es ist wie verhext! Schon wieder habe ich das Mikorofon für das MD-Gerät in Deutschland vergessen. Soll ich weinen oder lachen? Ich entscheide mich für letzteres und nehme das erste Stück zur Gitarre  mit Sibbes mp3-Player auf. Es ist ein ruhiges Stück mit hoffnungsfrohen Akkorden. Der Calima bedeckt mit seinem Wüstensand noch immer die freie Sicht auf den Atlantik. Ich mache mich auf eine Tour durch La Calera und drehe einige nette Kurz-Videos. Es ist heiß und der Tag plätschert angenehm träge vor sich hin. In den Gassen ist keine Menschenseele zu sehen.

Am Nachmittag kommt Segnora Elektra. Ich bitte sie um ein anderes Appartment - das über mir ist frei. Es soll aber vier Euro mehr kosten. Ich lehne zunächst ab und versuche zu verhandeln. Sie erklärt mir, dass sie gar nicht Segnora Elektra sei und an dem Preis nichts machen könne. Als ich erkläre, dass mir mein derzeitiges appartement zu dreckig ist und die Dusche nur unzureichend, zieht sie beleidigt davon. Später willige ich in den höheren Preis für das renovierte Appartement oben ein, sie lächelt wieder und schenkt mir drei Bananen.

Nun muss ich noch das gestern optional gebuchte Appartment absagen. Ich tue mich etwas schwer damit und tatsächlich: Als ich der Segnora offenbare, dass ich nun doch nicht ihr Appartment mieten werden, guckt sie betroffen und hat Tränen in den Augen ... Erschüttert und niedergeschlagen schlendere ich wieder zurück. Was hätte ich tun sollen? Die Sache geht mir echt nah. Ich schreibe eine kurze Ballade.

Am Spätnachmittag entscheide ich mich für eine Erkundung der Wellen hier. Sie sind schon ganz stattlich und mir fällt auf, dass ich, obwohl schon drei Mal hier auf der Insel, noch nie im Wasser war. Es tut gut. Der Sand ist fein, aber tiefschwarz. Später am Abend höre ich wieder diese lustigen Vögel. Sie klingen einen bisschen, wie quietschende, Plastiksandalen.

10. März

Langer, ausgiebiger Schlaf mit angenehmen Träumen - dennoch drückt die Matratze etwas. Es ist sehr diesig. Spaeter erfahre ich, dass es kein Dunst, sondern Staub ist: Der Calima! Der Sand von der Sahara wird bis hierher geweht und staubt alles ein. Nach ausgedehntem Frühstück, mache ich mich trampend auf den Weg ins ca 50 km entfernte San Sebastian. Gleich das erste Auto hält an. Ein sehr nettes älteres Paar aus Deutschland. Sie berichten von ihren Reisen durch Argentinien, Portugal und den Rest der Welt und bringen mich bis zur Laguna Grande. Das ist auf dem Höhenweg, mitten im zauberhaften El Cedro-Wald. Dort stehe ich eine Weile in der Sonne bis mich ein hagerer, braungebrannter Mann mit blondem Haar bis nach San Sebastian bringt. Er ist auch Deutscher und wohnt seit zehn Jahren hier in einem Haus bei Targuamul, einem sehr kleinen Weiler, der fernab jeglicher Zivilisation in einem großen Tal direkt am Atlantik gelegen ist. Auf Anfrage gibt er sich als ehemaliger Musiker zu erkennen. Er sei in den 70ern viel in Frankreich und Griechenland unterwegs gewesen. Später habe er dann noch mal auf dem Geburtstag von Hella von Sinnen gespielt - lustig.

Ich mache Besorgungen im Supermarkt in San Sebastian. Für den Rückweg stehe ich eine ganze Weile, bis mich ein Holländer bis oben auf den Höhenweg nimmt. Dort warte ich eine weitere halbe Stunde und es geschieht das Unerwartete. Ein alter Gomero nimmt mich mit. Die fahren sonst immer gerne stur und ohne Reaktion einfach weiter. Er raucht eine fette Zigarre und hört alte, spanische Lieder. Ich döse vor mich hin und bin glücklich. Wieder in La Calera mache ich schon mal auf die Suche nach einem nächsten Appartment. Ich lerne Karin kennen, ein lustiges Päärchen aus der Schweiz und einen gutherzigen, mittelalten Gomero, der Jahre lang in Berlin gewohnt hat. Er vermittelt ein nettes appartment mit Balkon und Traumblick. Die Preis-Verhandlungen mit seiner nur spanische sprechenden Mutter gestalten sich etwas kompliziert. Über mit wohnt ein Türke aus Bremen, der seit sieben Wochen auf La Gomera spanisch lernt. Noch Fragen?

9. März

Die Landung mit dem Flugzeug in Tennerifa Süd war etwas beängstigend - Schon beim Start in Nuernberg hieß es, dass ein starker Wind weht - und in der Tat, er war stark. Das Flugzeug wankte bei der Landung bedenklich hin und her, selbst die Stewardess blickte verschreckt zum Fenster. Alles gut gegangen. Vor dem Flughafen warteten über hundert Menschen auf die eintrudelnden Taxis. Keine Lust zu warten. Ich finde einen Bus, der bis Los Christianos fährt, aber nicht zum Hafen. Egal, denke ich. Los Christianos ist schon mal gut und alle mal besser, als eine Stunde warten und 18 Euro zahlen. Es ist heiss und sehr windig. Die Palmen stehen auffällig schräg. Der Busfahrer sagt bescheid, fuchtelt mit den Händen, sagt irgendetwas auf spanisch und mit schwerem Rucksack, Gitarre und mit um die Hüfte gewickelten Klamotten mache ich mich auf den Weg.

An der Strandpromenade riecht es nach Bier und Fisch. Alte Männer präsentieren unverholen ihre übermäßig dicken knallroten Bäuche. In der Ferne sehe ich die erlösende Fähre. Ich renne, trotz der schweren Last, weil ich weiss, dass das Schiff in wenigen Minuten startet. Kaum sitze ich drin, fährt es auch schon los. Auf das nächste hätte ich gut vier Stunden warten müssen.

Wie befürchtet schaukelt das Boot heftig und unberechenbar hin und her. Mein Magen hält dem Stand. Nach fast zwei Stunden erreiche ich, nach einem Zwischenstopp in San Sebastian, das Valle Gran Rei. Es ist ein bisschen so, als käme ich nach Haus. Später sehe ich auf meinem Handy, dass Micha nach sehr langer Zeit versucht hat, mich zu erreichen. An ihn musste ich natürlich oft denken und muss es noch.

Ich suche zunächst in Vueltas nach einer Pension, finde aber nichts geeignetes. Es ist aber vieles frei. Schliesslich lande ich in Borbalan und erkundige mich bei El Mago. Dass appartment, in dem mich vor zwei Jahren mit Micha wohnte, ist belegt. Die anderen beiden sagen mir nicht zu. Eines sah noch bewohnt und verdreckt aus.

Also, nach La Calera! Na klar, La Calera! Die Hauser schmiegen sich pittoresk an den Hang, kleine Gassen und viele Treppen verbinden diese miteinander. Eine alte Frau spricht mich an. Ich erkenne sie als Segnora Elektra. Sie hat ein verwinkeltes Appartment für mich mit traumhaften Blick über das komplette Tal, bis weit auf den Atlantik. Hier wohne ich nun also - für die nächsten vier Tage.

Haustier (dem Reise-trolly mit vier Rädern), der Gitarre und all dem anderen Kram, der im Ganzen eine geschätzte Tonne wiegt, auf den Weg. Mit dem Auto zu Hucky. Der Nieselregen entwickelt sich zu einem typisch norddeutschen Landregen. Hucky schläft wohl noch. Es ist alles dunkel. Hat sie unsere Verabredung vergessen? Vorsichtig lasse ich ihr handy ein mal klingeln. Keine Reaktion. So lasse ich es erneut klingeln. Nach etwa zehn Rufzeichen höre ich ihre schlafverknitterte Stimme. Alles klar! Im dunklen Haus sucht sie ihre Sachen zusammen. Wir brechen auf Richtung Flughafen. Auf der Fahrt erkläre ich ihr noch die Heimtücken meines Vehikels (Scheibenwischer, Kupplung, Zündschloss). Wie immer muss ich meine Gitarre am Sondergepäckschalter aufgeben. Dort spricht mich ein bärtiger, gepiercter junger Mann, während er mein Sondergepäck entgegennimmt, plötzlich mit Vornamen an. „Harald?“ Er stellt sich schließlich als Sascha vor – Theater AG, FRG … Ich mime ein Wiedererkennen, um ihn und mich nicht in Verlegenheit zu bringen. Erst später dämmert es mir. Eine lustige Begegnung, mitten in der Nacht, kurz vor dem Abflug. Noch ein ziemlich leckeren Latte mit Hucky und dann ab in die Maschine. Der Flug ist langweilig. Der Pilot stellt sich erst vor, als wir fast da sind und man kann kein einziges Mal erkennen, wo wir uns gerade befinden. Stattdessen läuft „P.S. – Ich liebe Dich“ als Film und mein Kopfhörer geht gerade in dem Moment kaputt, als ich mich für das Hörspiel „Die Vermessung der Welt“ begeistere. Die Sonne geht auf, als wir die Kanaren erreichen. Stolz erhebt sich der Teide – ein respekteinflößender Berg. Der Himmel ist klar, die Luft trotz der ständig ein- und ausfahrenden Busse vor dem Flughafengelände, frühlingshaft-frisch. Nach etwa einer halben Stunde, fährt ein Linienbus vor. Ein unerwartet freundlicher Busfahrer mit rundem Gesicht und dazu völlig unpassenden dünnen spitz zulaufenden Augenbrauen erklärt mir mit einem gebrochenen englisch, dass dies der richtige Bus sei. Er sollte recht behalten und winkt sogar zum Abschied. Beschwingt durch die immer wärmer werdende Sonne und diese für Teneriffa ungewöhnliche freundliche Geste schlender ich mit meinem vierrolligen Haustier und der Gitarre durch die Straßen von Los Christianos. Es erscheint mir freundlicher und charmanter als die Male zuvor. Ich mache Rast auf einem Platz an einer Kirche und lasse es ruhig angehen. Die Fähre würde ohnehin erst in einigen Stunden fahren. Beim Lösen des tickets im Hafengebäude, wartet ein älterer Herr hinter mir. Ich bemerke ihn zunächst gar nicht. Als er an der Reihe ist, erweist er sich als beim Kauf des tickets für die Fähre als unerfahren und begriffsstutzig. Eher aus Mitleid mit der langsam verzweifelnden Ticketverkäuferin („funfvorzwei“), als mit dem Herren, den ich zunächst für einen dumpfpannsigen reichen Bayern halte, mische ich mich ein und erkläre ihm, wieviel das ticket kostet und wann die Fähre losfährt. Erst jetzt fällt mir auf, dass er nur eine Plastiktüte mit einer 5-Liter-Wasserflasche dabei hat. Er erklärt mir, dass er dringend von Zuhause habe abhauen müssen und weckt damit mein Interesse. Ich bedeute ihm, dass es vor diesem Hintergrund wohl nicht so schlau gewesen sei, einen Personalausweis beim ticketkauf vorzulegen. „Nein, nein“, beteuert er. Es sei ja nicht so, dass er von der Polizei gesucht würde. Er habe nur die Einsamkeit in Passau nicht mehr ertragen können und habe deshalb nach 30 Jahren dort kurzerhand entschieden, nach Teneriffa zu fliegen. Dort habe er sich ein Hotel genommen für drei Tage. „Die waren so unfreundlich zu mir. Ich habe mich gefragt, was ich ihnen getan habe“. Nüchtern erklärt er mir, dass er noch ungefähr zehn Jahre leben will, um sich dann umzubringen. Und, ob er nun einsam in Passau rumsitzt und die deutschen Winter ertragen muss oder einsam in der Sonne, würde ja zunächst nur den Unterschied machen, dass es in der Sonne wohl eher netter ist. Ich bin verblüfft. Er habe niemandem Bescheid gesagt, dass er sich aus dem Staub machen würde. Auch seinen Eltern nicht. Er habe einfach seine Sachen gepackt, sei zum Flughafen gegangen, um nach Teneriffa zu fliegen. So warten wir gemeinsam auf die Fähre und ich werde stutzig, als er anfängt zu erzählen. Er sei adoptiert und von seinen Adoptiveltern wie ein Stück Scheiße behandelt worden. Erst vor wenigen Jahren habe er erfahren, dass sie garnicht seine leiblichen Eltern seien. Ich bin erschüttert. Seine wahren Eltern seien Milliardäre offenbart er nach einem gewissen Zögern. Den Namen dürfe er nicht nennen, weil er sonst großen Ärger bekäme. Nur so viel: „Der ‚Bulle von Tölz‘ ist mein Bruder!“. Die Müdigkeit gibt mir die notwendige Gelassenheit, ihm weiter in Ruhe zuzuhören. „Ich bin wie ‚Kaschpar Hauser‘“, sagt er und in seiner unbeholfenen Art und mit dieser todtraurigen Kindheit, tut er mir leid und ich sage zu, ihm bei der Suche nach einem appartment auf La Gomera zu helfen. Ich stelle aber gleich klar, dass sich dann unsere Wege trennen würden. Endlich: Valle Gran Rey. Die Überfahrt setzt mir ein bisschen zu und ich bin froh, als wir ankommen. Es ist heiß und wunderschön. Inzwischen bin ich mit meinem Begleiter per Du. Er heißt Lothar und, der erste Eindruck von der Insel sei ein sehr guter, betont Lothar. Mein Rolltrolly ist schwerer, denn je, weil ich meine Wanderschuhe inzwischen auch noch eingepackt habe. Das appartment, das ich für Lothar ausgesucht habe, liegt gleich unten in Vueltas, dem Hafenviertel. Ich zerre meinen trolly die steilen, heißen Straßen hoch – zu meinem Verhängnis, wie ich später feststellen muss. Die Straßen sind wie leergefegt. Man merkt sehr deutlich, dass die Touristensaison vorbei ist. Es stehen überall appartments zur Verfügung. Wir finden ein sehr schönes mit großer Dachterasse. Die Segnora stellt sich als Isabel vor. Für Lothar verhandele ich den Preis. Sie zeigt sich sehr kompromissbereit und Lothar macht Ernst: bis zum Ende des Monats will er hier bleiben. „Geld ist kein Problem“, betont er immer wieder und diesmal habe ich das Gefühl, dies ist keine Phantasie. Ich lasse ihn alleine zurück und verspreche, nochmal vorbeizuschauen. Er fragt noch, ob ich nicht morgen nochmal mit ihm nach Tenneriffa fahren könne, um seine Sachen aus dem Hotel zu holen. Er würde auch die Überfahrt und alles bezahlen. Ich lehne freundlich aber bestimmt ab. Er ist ein großes Kind, aber er muss hier alleine klarkommen. Ich zerre mein Haustier weiter Richtung La Calera. Er ist trotzig und knurrt. Irgendetwas stimmt nicht. Ich schaue nach und stelle fest, dass zwei Räder aufgeplatzt sind. Der heiße Asphalt und die spitzen Steine müssen sie aufgerissen haben. Scheiße! Ein uralter bunt bemalter Renault hält an. Ein genauso bunt bekleidete Frau fragt, wie weit ich es denn noch hätte. Ich steige ein und hätte sie am liebsten geküsst. Sie bringt mich bis zu tienda Victor und verabschiedet sich mit einem „So ist Gomera“. 19. März